Fächerübergreifender Unterricht à la française oder „wie wir alle verwandt sind“

Kürzlich konnte ich bei einem sehr bereichernden Projekt mitarbeiten, das auf dem verpflichtenden Unterrichtsprinzip „EPI“ basiert.

Die Abkürzung EPI steht für „Enseignements pratiques interdisciplinaires“[1] und bedeutet im Wesentlichen fächerübergreifenden projektorientierten Unterricht, der verpflichtend ab der Klasse 6e im Collège (entspricht der ersten Klasse Gymnasium) durchgeführt werden muss.

Konkret bedeutet dies, dass ein LehrerInnenteam basierend auf einem Thema, das im Lehrplan für den jeweiligen Jahrgang vorgeschrieben ist, ein fächerübergreifendes Projekt durchführt.

Im Collège, in dem ich tätig bin, haben alle SprachenlehrerInnen (Französisch, Latein, Englisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch) eine Unterrichtssequenz zum in der 5e vorgeschriebenen Thema „le héros“ (der Held) entworfen. Ausgehend vom Theseus-Mythos wurde das Ziel verfolgt, die SchülerInnen die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den jeweiligen Sprachen entdecken zu lassen. Als Einführung wurde den Lernenden (2. Klasse Gymnasium) ein kurzes Video gezeigt, in dem die Sprachfamilie der indogermanischen Sprachen anhand von „mots voyageurs“ (reisende Wörter) vorgestellt wurde. Anschließend bekamen sie ein kleines Skriptum mit der lateinischen Fassung des Theseus-Mythos von Hygin sowie den Übersetzungen in Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch und Italienisch. Um den Lernenden ein Gefühl für den Klang der jeweiligen Sprachen zu vermitteln, spielten wir ihnen Aufnahmen in den Sprachen vor, in denen Muttersprachler die jeweiligen Übersetzungen vorlesen.

Die erste Aufgabe bestand darin, im lateinischen Text Wörter zu finden, deren Sinn die SchülerInnen erschließen können. Danach bekamen sie eine Liste mit Wörtern aus dem Text mit dem Ziel, in Kleingruppen deren Entsprechungen in den anderen Sprachen zu finden. Bei der Auswahl der Wörter hatten wir im Vorfeld darauf geachtet, möglichst transparente Begriffe zu finden. Die Ergebnisse wurden danach im Plenum besprochen.

Dieser erste Teil nahm eine Unterrichtsstunde in Anspruch und führte zu vielen Aha-Momenten und Erstaunen seitens der SchülerInnen. Die Lernenden waren sichtlich interessiert und motiviert, ihre Kenntnisse in den verschiedenen Sprachen einzubringen.

In einer weiteren Unterrichtssequenz, an der ich nicht teilnehmen konnte, bekamen die SchülerInnen „mots voyageurs“ (reisende Wörter), deren Ursprung und Reise sie mithilfe des Internets herausfinden sollten. Die Ergebnisse wurden mittels Tablets festgehalten und dokumentiert.

Als ich die SchülerInnen aus meiner Gruppe eine Woche später fragte, was sie von diesem Projekt hielten, bekam ich nur positive und begeisterte Rückmeldungen. Einigen meinten, dass ihnen die Beziehungen zwischen den Sprachen zuvor kaum bewusst waren und nun viel deutlicher seien.

 

Ein weiteres sprachenübergreifendes Projekt realisiere ich gerade anlässlich der im Mai stattfindenden „Semaine des langues“ in einer 6e bilangue-Klasse (1. Klasse Gymnasium), die im ersten Jahr im Collège gleichzeitig Englisch und Deutsch als erste lebende Fremdsprache lernen.

Um eine Zwischenbilanz zu erstellen und den SchülerInnen die Beziehungen zwischen Deutsch und Englisch zu verdeutlichen, entwerfen die SchülerInnen „clouds“ zu unterschiedlichen Themenbereichen wie sich vorstellen, Sport, Hobbys, Familie, Farben, Essen und Trinken etc. Diese „clouds“ werden in Form von Mobiles gestaltet, sodass immer auf einer Seite die deutsche Version und auf der anderen Seite die englische Version steht.

Beispiel:

Mein Name ist Peter. – My name is Peter.

Bereits während der ersten Unterrichtseinheit waren die Lernenden sehr erstaunt ob der zahlreichen Verbindungen zwischen den beiden verwandten Sprachen.

 

Auch wenn ich bereits im Rahmen meines Unterrichts (in den Fächern Latein und Französisch) so oft wie möglich versuche, die SchülerInnen Verbindungen zwischen den ihnen bekannten Sprachen herstellen zu lassen, möchte ich im kommenden Schuljahr ein sprachenübergreifendes Projekt derselben Art starten, um den österreichischen SchülerInnen dieselben Aha-Momente zu ermöglichen.

[1] Nähere Informationen siehe http://www.education.gouv.fr/cid100518/les-enseignements-pratiques-interdisciplinaires-epi.html

Mag. Conny Blank

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