Eliteschule unterm Halbmond

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Vom 14.-19. Oktober 2019 durfte ich im Rahmen des internationalen Mobilitätsprogramms des Österreichischen Austauschdienstes (kurz: ÖAD) als Teilnehmerin von insgesamt sechs Kolleginnen und Kollegen aus Österreich an einer Schnupperwoche am St. Georgs-Kolleg in Istanbul teilnehmen. Im Herzen des Stadtteils Karaköy, nur wenige Schritte von der beliebten Einkaufsstraße Bagdat Caddesi entfernt und zu Füßen des Galata-Turms gelegen, zählt diese Schule zu den wohl bekanntesten, traditionsreichsten und prestigeträchtigsten der 16 Millionen-Einwohner zählenden Metropole. Um an diese Privatschule aufgenommen zu werden, benötigen interessierte Schülerinnen und Schüler eine Punktezahl zwischen 490 und 495 Punkten bei den Aufnahmetests. Dieses Auswahlverfahren garantiert, dass nur die Schülerinnen und Schüler mit den besten Leistungen einen Schulplatz für sich gewinnen können.

Absolventinnen und Absolventen erhalten eine ausgezeichnete fünfjährige Ausbildung, welche sie nach bestandener Reifeprüfung dazu befähigt, an einer türkischen und deutschsprachigen Universität zu studieren. Das St. Georgs-Kolleg finanziert sich durch Schulgelder. Derzeit beträgt dieses Schulgeld 54.500 TL, was umgerechnet rund € 9000 im Jahr ausmacht. Das Kollegium setzt sich zu 2/3 aus österreichischen und zu 1/3 aus türkischen Lehrerinnen und Lehrern zusammen. Seit Jahrzehnten lernen hier türkische Kinder gemeinsam nach österreichischem Lehrplan. Fremde Traditionen in einem großteils muslimischen Land. Trotz politisch schwieriger Zeiten lässt es sich die Schule unterstützt durch die türkischen Schüler- und Elternschaft nicht nehmen, gerade zu christlichen Festen wie Weihnachten oder Ostern Veranstaltungen gemeinsam zu feiern. So haben Adventsingen, Auftritte des LehrerInnen-Chors oder der Osterbasar bereits Tradition. Auf dem Schulgelände des Traditionsgymnasiums am Bosporus befinden sich das Haupt- und Nebengebäude, eine Kapelle und der Sportplatz. Es gibt eine Kleiderordnung. Bart oder Minirock sind verboten. Diese Vorgaben kommen auch vom türkischen Bildungsministeriums.

 

Montagmorgen: Versammlung zum törün

Nach der Begrüßung durch Herrn Direktor Paul Steiner wurden wir von ihm durch das Schulgebäude geführt und eröffneten die Woche zu den Klängen des Istiklal– Marsches (türkische Nationalhymne) mit dem gemeinsamen Fahnenapell der Schüler- und LehrerInnenschaft. Im Anschluss machten wir Bekanntschaft mit dem türkischen Subdirektor der Schule, Yasin Beser, bekamen Einblicke in die administrativen Agenden der Schule durch die Administratorin Karin Wieser und konnten ersten Kontakt zum Kollegium knüpfen. Der törün ist eine Tradition mit dem die Schulwoche begonnen und an Freitagen nach Unterrichtsende beendet wird.

Jobshadowing

Dank der vielen interessanten (Fach-) Gespräche mit den KollegInnen war es mir binnen weniger Tage möglich, einen allumfassenden Einblick in den Schulalltag zu bekommen. Aufgrund meines mehrsprachigen Backgrounds konnte ich auch schnell mit den türkischen Kolleginnen und Kollegen Kontakt herstellen. In den darauffolgenden Tagen bekamen wir dank eines perfekt durchorganisierten Programms sehr viele Einblicke in die Unterrichtstätigkeit der Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Die Hospitationen habe ich als persönlich bereichernd empfunden, wobei der Unterrichtsbesuch meiner Unterrichtsfächer für mich besonders spannend war.

Ich besuchte überwiegend den Deutsch-Unterricht in den sogenannten hazirlik-Klassen, welche wörtlich und sinngemäß das Ziel verfolgt, den Schülerinnen und Schülern innerhalb von 20 Wochenstunden Deutsch zu vermitteln. Diese Sonderklassen verstehen sich als Vorbereitungsklassen, welche einjährig geführt werden. Einblicke in die Didaktik respektive der Methodik ermöglichten mir diverse neue Eindrücke, darüber hinaus bekam ich mehrmals die Gelegenheit, den Unterricht mit zu gestalten und habe zu meiner Freude einmal eine Unterrichtseinheit komplett übertragen bekommen. Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich sehr interessiert an den Lehrinhalten und an meiner Person. Nach einer Unterrichtseinheit stand plötzlich eine Schülertraube vor mir. „Hocam, biz sizi cok sevdik“ sagte mir ein Schüler der hazirlik-Klasse nach dem Unterricht. Deutsch dominiert den Schulalltag. In den Pausen dürfen die Schülerinnen und Schüler auch türkisch sprechen. Die Schule hat einen schönen und gut ausgestatteten Musiksaal, welcher sich in einem Nebentrakt befindet. Musikalisch setzt das Sankt Georgs-Kolleg auf seinen langjährig geführten LehrerInnen- und SchülerInnen-Chor, die beiden Konzerte zur Weihnachtszeit haben Tradition. Aus diesem Grund bin ich der Einladung, einer Chorprobe beizuwohnen, nachgekommen. Im Musiksaal der Schule finden die wöchentlich ein Mal stattfindenden Chorproben statt, in denen erfahrene ChorsängerInnen überwiegend in vierstimmigen Sätzen ihren Gesang zum Besten geben. Am St. Georgs-Kolleg wird viel musiziert. Die Schule zeigt sich sehr bemüht, die Kreativität ihrer Schülerinnen und Schüler auf vielfältigste Art und Weise fördern zu wollen. Neben dem Schulchor gibt es die Gegenstände Theater, Tanz und Bildnerisches Erziehung, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Zahlreiche Klassenfahrten und Wettbewerbsteilnahmen komplettieren dieses Bild.

Herr Direktor Steiner begleitete uns täglich in die Stunden, betreute uns von Anfang an mit großem Engagement. Auch die Tatsache, dass er uns mit seinem Privat-PKW von der Schule abgeholt und mit uns einen Ausflug in die Özel Alev Okul machte, spiegelt seine große Bemühung, uns einen möglichst schönen Aufenthalt ermöglichen zu wollen, wieder.

Ob an der Universität, in einem Unternehmen, bei einem Verband oder in einer öffentlichen Einrichtung – ein Praktikum ist eine hervorragende Möglichkeit, sein Wissen und den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern. Mobilitätsprogramme der Europäischen Union wie Erasmus+ bieten Gelegenheit für eine verstärkte Zusammenarbeit, fördern grenzüberschreitende Partnerschaften und die Zusammenarbeit zwischen Ausbildungsstätten. Diese Art von Fortbildungen auf internationaler Ebene sichern uns die Aussicht auf lebenslanges Lernen. Ich kann jedem nur empfehlen, diese Erfahrung zu machen! Mich hat das Auslandsfieber gepackt.

Seit Generationen ist das St. Georgs-Kolleg ein Brückenbilder zwischen türkischer und österreichischer Kultur. SchülerInnen und LehrerInnen sind Garanten einer tiefgreifenden Freundschaft der beiden Völker. Alle politischen Stürme wurden überwunden, es bleibt zu hoffen, dass es mindestens noch so weiter in den nächsten 150 Jahren gehen möge.

Mag. Idil Gönenli

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